Das Leben ist digital geworden, die technischen Möglichkeiten ersetzen mit Online-Face-to-Face-Kommunikation das persönliche Miteinander. Viele, aber längst nicht alle Unternehmen nutzen die Möglichkeiten von Workation, New Work & Remote Work und bieten spätestens seit der Pandemie das Arbeiten im Homeoffice an.

Arbeiten in der Natur und mit einem Laptop – das reicht doch aus?

Remote Work, das mobile Arbeiten von einem beliebigen Ort aus, kann das klassische Büro in bestimmten Branchen ersetzen, wenn für den Job nur noch ein Laptop und schnelles Internet benötigt werden. Diese sind gleichzeitig auch die wichtigsten Voraussetzungen für erfolgreiches Remote Working, sodass der Arbeitsplatz überall auf der Welt sein kann. Wie sich das auf das Wohlbefinden, die Produktivität und den Teamgeist im Job auswirkt, erklärt Coach und HR Consultant Christian Kersten im Interview:

New Work: Warum sind Karriere und mehr Geld nicht mehr ausreichend für die Jobwahl?

Christian Kersten: „New Work ist in erster Linie vor allem ein Buzzword, aber dahinter steckt natürlich der Wunsch nach Selbstverwirklichung und Sinnhaftigkeit und damit hängt zusammen, dass wir entsprechend unserer Werte und Stärken arbeiten wollen. Das hat nicht unbedingt etwas mit dem Hochklettern einer Karriereleiter und hohen Gehältern zu tun. Deswegen sind für viele Menschen Werte wie Selbstbestimmung und Sinnhaftigkeit der Arbeit deutlich wichtiger geworden.“

Arbeiten 4.0: Was bedeutet Remote Work für dich?

Christian Kersten: „Remote Work bedeutet für mich vor allem hybrides Arbeiten, sodass ich situationsbedingt entscheide, ob ich im Office arbeite oder an einem anderen Ort. Remote Work ist für mich nicht, dass wir zu 100 Prozent von Zuhause oder von einem anderen Ort aus arbeiten, sondern dass wir immer gucken: Was ist gerade möglich und was ist erforderlich? Wie können meine individuellen Ziele mit den Zielen des Teams und des Unternehmens vereinbart werden. D.h., ich muss flexibel sein. Wenn es erforderlich ist ins Büro zu gehen, weil z.B. ein neuer Kollege im Onboarding ist, dann gehe ich ins Büro. Wenn ich dann aber konzentriert etwas anderes arbeiten möchte, mache ich das von Zuhause aus. Diese Flexibilität im Beruf leben zu können, entspricht meinen Bedürfnissen und deswegen ist hybrides Arbeiten für mich auch mein Modell für die Zukunft.“

Christian Kersten im Interview über Workation

Für welche Branchen und Vertragsmodelle eignet sich ortsunabhängiges Arbeiten?

Christian Kersten: „Ortsunabhängiges Arbeiten eignet sich für fast alle Berufsgruppen und Branchen, die nicht in der Produktion zu tun haben oder mit direkter Dienstleistung am Kunden. Und auch für unterschiedliche Arbeitsvertragsmodelle ist das durchaus möglich. Das kann ein Angestellter genauso machen wie ein Freiberufler oder anderer Selbstständiger. Insofern ist das inzwischen ein Modell für die große Mehrheit der Arbeitnehmer:innen geworden.“

Workation steht für Work und Vacation. Welche Vorteile bietet das, wenn man Arbeiten und Urlauben verbindet, welche Nachteile?

Christian Kersten: „Eine Workation kann unheimlich inspirierend und belebend sein, wenn man in einer guten Atmosphäre arbeitet und wenig Ablenkung hat während der Arbeit. Das ist meiner Erfahrung nach in den Coworking und Coliving Spaces, die in vielen Ländern um Remote Worker werben, der Fall. Große Nachteile einer Workation sehe ich nicht, zumal eine Workation auch nur für einen gewissen Zeitraum gemacht wird. Wenn es ein längerer Zeitraum ist, kann das natürlich den Nachteil haben, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Team darunter leidet.“

Wie stellt man während einer Workation eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre sicher?

Christian Kersten: „Dafür ist gutes Selbstmanagement nötig, genauso wie eine gute technische Ausstattung. Dazu gehören bestimmte technische Tools, mit denen jede:r Arbeitnehmer:in mit ihren/seinen Teamkolleg:innen interagieren kann. Idealerweise in einem Haus oder einer Wohnung, in der schnelles Internet vorhanden ist und guter Telefonempfang, sodass ich jederzeit in meinen Projekten reibungslos arbeiten kann. Gleichzeitig sollte ich aber auch Rückzugsmöglichkeiten haben, wenn ich z.B. in einem Coworking Space arbeite, dass ich dann auch vertrauliche Gespräche führen kann.“

Mit Kolleg:innen gemeinsam auf der Insel – kann Workation das Teambuilding fördern?

Christian Kersten: „Wenn ich mit meinem Team eine gemeinsame Workation mache, ist das fürs Teambuilding durchaus positiv, weil ich mit meinen Kolleg:innen nicht nur im Arbeitskontext zusammen bin, sondern auch in privaten Situationen. Wir kochen dann zusammen, wir machen gemeinsame Ausflüge, gehen Wandern oder an den Strand. Dazu komme ich im normalen Büroalltag nicht oder nur selten. Das schweißt zusammen und schafft Verbindung und verstärkt diese auch noch.“

Erinnere dich an deine letzte Workation – was war das Besondere?

Christian Kersten: „Ich habe meine erste längere Workation auf Teneriffa gemacht und muss sagen, dass ich davon unglaublich profitiert habe, weil ich viel besser abends abschalten konnte und nicht die ganze Arbeit mit in den Abend genommen habe. So trat dann sofort ein Urlaubseffekt ein, als ich offline war. In dem Moment, als ich das Haus verlassen habe und an den Strand gefahren bin oder in die Berge, habe ich einen Erholungseffekt verspürt, den ich so von zu Hause nicht kenne. Bei einer Workation bekomme ich unglaublich viel Inspiration und neue Impulse, allein dadurch, dass ich viele neue Leute kennen lerne, die in einer ähnlichen Situation wie ich arbeiten, das ist sehr bereichernd.

Besondere Momente sind, wenn ich in einer schönen Umgebung, z.B. im Garten auf Teneriffa sitze und arbeite und mir dann in einer virtuellen Konferenz mein Gegenüber sagt „Wow, wo sitzt du denn, das sieht ja toll aus, das müsste ich auch mal machen“. Dann freue ich mich, dass ich ein bisschen Inspiration liefern kann und werde mir meines Privilegs bewusst, dass ich das jetzt machen kann.“

100% remote arbeiten – wäre komplettes Remote Work etwas für dich?

Christian Kersten: „Ich kann mir nicht vorstellen, 100 Prozent remote zu arbeiten, weil es mir wichtig ist, mich morgens auf meine Kollegen und Kolleginnen zu freuen und sie auch tatsächlich live zu sehen, nicht nur auf dem Bildschirm.“